Vor Ankern irgendwo im Nirgendwo: das Minerva Riff (28.10. – 01.11. bzw. 07.11.2014)

Weit und breit ist nur der blaue Pazifik zu sehen, jedoch ein paar Meilen voraus können wir weiße Schaumkonen erblicken. Das wird dann wohl unser Ziel sein: das nördliche Minerva Riff. Wir fahren durch die Passeinfahrt in das nördliche Atoll und ankern auf etwa 8 m vor der östlichen Riffkante. Dies ist wohl einer der ungewöhnlichsten Orte, an dem wir bisher unseren Anker geworfen haben. Um uns herum sehen wir nur blaues Wasser, das zum Riff hin heller wird und Schaumkonen dort, wo die Wellen sich an den Korallen brechen. Aber weit und breit ist kein Land zu erblicken. Komplett überspült ist es allerdings nur bei Hochwasser. Bei Niedrigwasser kann man auf dem etwa 200 – 300 m breiten Riff bis zur Außenkante laufen – ein Spaziergang mitten im Pazifik.

Die beiden unbewohnten Minerva Riffe liegen etwa 270 Seemeilen bzw. 500 km südwestlich von Tonga und sind zwei Atolle im Entstehungsprozess. Seit September 1972 gehört Minerva zum Königreich Tonga.
Ein dreiviertel Jahr zuvor wurde dort jedoch die Unabhängigkeit der Republik Minerva ausgerufen. Ein amerikanischer Immobilienunternehmer und Millionär hatte die Vision, dort eine Stadt namens Sea City mit 30.000 Einwohnern entstehen zu lassen. Dafür wurde bereits seit 1971 Sand von Australien hertransportiert, um das Niveau des Atolls anzuheben und eine Bebauung überhaupt erst möglich zu machen. Tonga war hiermit jedoch ganz und gar nicht einverstanden, erhob selbst Anspruch auf Minerva und legte Einspruch beim Südpazifikforum ein, dem dann auch stattgegeben wurde. Die Flagge des neu gegründeten Staates wurde unter Einsatz der Streitkräfte Tongas eingeholt und der Traum von der unabhängigen Republik Minerva war ausgeträumt – zumindest offiziell.

Mit uns liegen hier noch 11 weitere Boote, die wie wir einen Zwischenstopp eingelegt haben, um auf das richtige Wetterfenster für die restlichen 800 Seemeilen nach Neuseeland zu warten. Bei passenden Bedingungen ist dies ein wunderbarer Stopp an einem wirklich ungewöhnlichen Ort irgendwo im Nirgendwo. Nach ein paar Tagen sieht das Wetterfenster gut aus und 12 Boote verlassen am Morgen des 1. Novembers bei perfektem Segelwetter Minerva mit Ziel Neuseeland.
Bei diesem Trip kann man sich darauf einstellen, dass man es mit verschiedenen Wetterbedingungen zu tun hat. Zu Anfang bewegt man sich noch in der Passatzone mit Wind aus vorherrschend Südost. Da es ratsam ist, zu Beginn eines großen Hochdruckgebietes los zu segel, gerät man zwangsläufig in das Zentrum des Hochs mit keinem Wind, so dass Motoren meistens unvermeidlich ist. Bis dahin sollte man nach West-Südwest so viel wie möglich Strecke gutgemacht haben, da auf der Rückseite des Hochs mit Wind aus westlichen Richtungen zu rechnen ist, mit denen man dann nach Neuseeland runter segeln kann – soweit die Theorie.
Wenn man schnell genug ist, lässt sich das auch in der Praxis gut umsetzen. Ist man jedoch zu langsam, kann einem das nachfolgende Tiefdruckgebiet auf den letzten paar hundert Seemeilen vor Neuseeland noch unangenehm erwischen. Bei uns ist das am letzten Tag der Fall, an dem wir viel Wind und Welle genau entgegen haben und unser Ziel nicht direkt anlaufen können, sondern kreuzen müssen. Der Spuk ist nach knapp 24 Stunden jedoch wieder vorbei.
Am nächsten Morgen zu Sonnenaufgang taucht Aotearoa, übersetzt „das Land der langen weißen Wolke“, ohne Wolken am Horizont auf. Wir werden von Delfinen begrüßt und laufen bei ruhiger See und herrlichem Wetter nach sechs Tagen in Opua ein.
Letztendlich können wir uns wirklich nicht beschweren und sind froh, die Strecke so gut und ohne Probleme hinter uns gebracht zu haben.

Kia Ora, Aotearoa – Willkommen in Neuseeland!

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The Kingdom of Tonga (12.09. – 26.10.2014)

Das Königreich Tonga, das letzte Königreich Polynesiens, ist ein Inselstaat bestehend aus 176 Vulkaninseln und Atollen, von denen 36 bewohnt sind. Der Archipel erstreckt sich über knapp 500 Seemeilen von Nord nach Süd und ist in die Inselgruppen Niuas, Vava´u, Ha´apai und Tongatapu mit der Hauptstadt Nuku’alofa aufgeteilt. Zudem gehören seit 1972 die beiden unbewohnten Minerva-Riffe, ein Zwischenstopp für viele Segler auf dem Weg nach Neuseeland, ebenfalls zum Hoheitsgebiet Tongas. Von den etwa 105.000 Einwohnern leben mehr als 72.000 auf der Hauptinsel Tongatapu im Süden des Reiches.

Niuatoputapu

Nach einer Nachtfahrt erreichen wir von Samoa aus zusammen mit Ana und Leo von ATLANTIDE Niuatoputapu, einem der nördlichsten Außenposten Tongas. Außer einer Handvoll Segler kommen hier kaum Touristen vorbei. Die nicht einmal 1.000 Einwohner der drei Dörfer der Insel werden zwar etwa alle vier Wochen mit einem Versorgungsschiff aus Nuku’alofa beliefert, sind aber ansonsten weitestgehend Selbstversorger. Es gibt kein Fließendwasser und Strom wird nur durch eigene Generatoren produziert. Ein Mobil-funknetzt gibt es zwar, jedoch kein Internet.
Neben ATLANTIDE und uns liegt noch ein weiteres australisches Boot hier vor Anker und wir werden alle zusammen von Sia und Nico in ihr Haus eingeladen. Die beiden kümmern sich um die eintreffenden Segler, helfen beim Einklarieren und organisieren nach Wunsch eine kleine Inseltour, wobei dann gleich die nötigen Formalitäten für Ein- und Ausreise erledigt werden können.
Bei unserem ersten Streifzug durchs Dorf wundern wir uns ein wenig über die Bekleidung der Bewohner. Im Gegensatz farbenfrohen Samoa, sind hier fast alle schwarz gekleidet und tragen Ta’ovala‘s, die traditionellen Körpermatten, die bei besonderen Anlässen und zum Zeichen des Respekts getragen werden. Zur Erklärung erfahren wir später von Sia, dass ein Dorfbewohner kürzlich verstorben ist. Je näher die Person dem Verstorbenen stand, desto größer ist die Ta’ovala, die dann unter Umständen fast den ganzen Körper bedecken kann.

Am Sonntag werden wir von Sia und Nico zum Lunch mit traditionellem Essen und später noch zum katholischen Gottesdienst eingeladen – ein Aufenthalt mit Familienanschluss.
Im Dorf laufen uns immer wieder zahlreiche freilaufende Schweine, Hunde, Hühner und Pferde über den Weg. Selbst bei unseren Gastgebern läuft das Hausschwein unterm gedeckten Gartentisch her. Für uns ist das ein etwas ungewöhnlicher Anblick, aber wo kann es freiere, glücklichere Schweine geben? Sie werden jeweils morgens und abends gefüttert und erscheinen dann pünktlich vor der Tür ihrer Besitzer. Den Rest der Zeit streifen sie jedoch frei umher.

Wir bleiben insgesamt vier Tage in Niuatoputapu bevor wir weiter nach Süden aufbrechen. Wir haben die Gastfreundschaft der Einwohner genossen, aber viel gibt es auf dieser abgelegenen Insel nicht zu erkunden. Man fühlt sich ein bisschen in der Zeit zurückversetzt – ein Leben, zumindest teilweise, wie im vergangenen Jahrhundert.

Vava’u Gruppe

Die Vava’u Gruppe besteht aus 34 bewohnten und unbewohnten Inseln verschiedener Größe. Die Landschaft ist zumeist üppig grün, die Strände goldgelb und teilweise Palmen gesäumt und das Wasser azurblau. Aufgrund der etlichen Ankermöglichkeiten und kurzen Distanzen ist es ein wunderbares Segelrevier. Die einzige Stadt dieser Gruppe ist Neiafu. Hier gibt es Einkaufsmöglichkeiten, ein paar Bars und Restaurants und sogar eine Charterbasis von Moorings.
Vava’u ist das Touristenzentrum von Tonga und das nicht nur wegen der wunderschönen Inselwelt, sondern auch wegen der zu bestaunenden Buckelwale. Die Weibchen bringen hier im Juli ihre Kälber zur Welt und ziehen sie groß, bis sie bereit sind, im Oktober oder November ihre Reise Richtung Süden ins antarktische Meer aufzunehmen. In dieser Zeit bieten mehrere Veranstalter Schnorchel-Touren mit Buckelwalen an, die zwar sehr teuer sind, aber auch spektakulär sein sollen – auf Tuchfühlung mit den sanften Riesen der Ozeane.

Es gibt viele schöne Ecken, aber besonders angetan hat uns der Ankerplatz vor Motu Nuku, einer kleinen unbewohnten Insel mit einem Traumstrand. Teilweise liegen wir hier alleine vor Anker und haben dieses Paradies nur für uns.
In der Blauen Lagune bei Hunga Island treffen wir Elke und Werner, zwei Deutsche, die vor 28 Jahren von Zuhause losgesegelt sind und ihr Glück in Tonga gefunden und sich hier niedergelassen haben. Sie leiten den TransOcean-Stützpunkt (deutsche Seglervereinigung) in Tonga und haben immer viele Tipps und Anregungen für Segler.

Die Fahrt nach Neuseeland gilt unter Seglern als sehr anspruchsvoll – zumindest, wenn man für die ca. 1.100 Seemeilen mehr als 5-6 Tage braucht. Dies ist nämlich die Zeitspanne, die einem zur Verfügung steht, bevor nach einem Hochdruckgebiet das nächste Tiefdruckgebiet von West nach Ost durchzieht. Und ein starkes Tiefdruckgebiet sollte man in diesen Breitengraden möglichst vermeiden. Dummerweise sind die meisten Segelboote der Blauwassersegler nicht schnell genug, so dass einem das dem Hoch- folgende Tiefdruckgebiet meistens kurz vor Neuseeland noch erwischt – und das kann sehr unangenehm oder gar gefährlich werden. Wir haben von einigen Seglern gehört, die auf den letzten 200-300 Seemeilen in einen schweren Sturm geraten sind und die Boote teils schwere Schäden davongetragen haben. Da wir dies unbedingt vermeiden wollen, suchen wir fachmännischen Rat und haben uns bei dem neuseeländischen Wetterguru Bob McDavitt angemeldet, der uns dann zu gegebener Zeit mit Rat und Fachwissen zur Seite stehen soll.
Zudem haben wir uns noch bei der kostenlosen All Point Rally angemeldet, die im Oktober Seminare in Neiafu u.a. über das Wetter in dieser Region und Strategien für den Trip nach Neuseeland anbietet. Da Neuseeland strenge Einfuhrvorschrift hat, wird auch ein Seminar darüber abgehalten, was man bei der Einreise zu beachten hat. Dafür wird sogar extra jemand von den neuseeländischen Behörden nach Tonga geschickt – Neuseeland scheint wirklich an uns Segler interessiert zu sein!

Tongatapu

Unser nächster und letzter Stopp im Königreich Tonga ist die Hauptinsel Tongatapu mit der Hauptstadt Nuku’alofa. Hier wollen wir unseren Dieselvorrat auffüllen (eine Maßnahme, die fast den ganzen Tag dauert), auf ein passendes Wetterfenster warten und letztendlich ausklarieren. Wir ankern vor Pangiamotu, einer kleinen Insel etwas abseits der Hauptstadt direkt vor Big Mama’s – Restaurant, Bar und Segler-Treffpunkt.

In Nuku’alofa leben rund 24.000 Einwohner, knapp ein viertel der Einwohner Tongas. Hier gibt es ein paar nette Cafés, Restaurant, Einkaufsmöglichkeiten und natürlich den Königs-palast, aber besonders attraktiv empfinden wir die Stadt nicht.
Wie schon in Samoa treffen wir hier wieder auf die beiden traditionellen Kanus Hōkūle‘a and Hikianalia, die während unseres Aufenthaltes in Nuku’alofa einlaufen (http://www.hokulea.com/worldwide-voyage/). Ihnen wird ein Empfang mit Tanzdarbietungen bereitet, zudem gerüchteweise auch der König anwesend sein sollte – was dann jedoch leider nicht der Fall ist. Die Crew der Boote besteht hauptsächlich aus jungen Südseeinsulanern, die das traditionelle Navigieren nach den Sternen erlernen sollen. Gelobt seien die modernen Plotter, mit denen die Navigation doch so viel einfacher ist!

Nachdem alles erledigt ist und Bob McDavitt uns grünes Licht gibt, verlassen wir nach etwas mehr als sechs Wochen Tonga. Allerdings geht es von hier aus nicht direkt nach Neuseeland. Etwa 270 Seemeilen südwestlich von Nuku’alofa liegen für unseren Trip strategisch günstig die beiden unbewohnten Minerva Riffe. Hier wollen wir einen Stopp einlegen, das Wetter im Auge behalten, und dann unter möglichst günstigen Voraussetzungen die deutlich anspruchsvolleren etwas mehr als 800 Seemeilen absegeln. Dieser Stopp erhöht die Chance, die restliche Strecke innerhalb eines durchziehenden Hochdruckgebietes zurückzulegen und in Neuseeland anzukommen, bevor das nächste Tiefdruckgebiet aufzieht.