Der Pazifik (21.03. – 14.04.2014)

Dreiviertel der Oberfläche unseres Planeten ist mit Wasser bedeckt. Alleine die Hälfte der Erdoberfläche nimmt der Pazifik ein. Eine unglaubliche Wassermasse, auf der man sich in einem fast 13-Meter-Boot sehr klein und unbedeutend vorkommt. Die Weite des Atlantiks war ja schon eine Herausforderung für uns, ist aber nichts im Vergleich zu den Ausmaßen des Pazifiks – wobei man auch noch bedenken muss, dass wir den Pazifik an seiner schmalsten Stelle überqueren.
Von Galápagos bis zu den Marquesas liegen rund 3.000 Seemeilen, d.h. etwa 3-4 Wochen Segeln, vor uns mit nichts als Wasser um uns herum. Der beste Weg damit umzugehen, dass wochenlang kein Land in Sicht und in Reichweite ist, ist wohl nicht weiter darüber nachzudenken. Andernfalls könnte einen diese Vorstellung und was sich daraus alles für Probleme und Gefahren ergeben, schlichtweg abschrecken. Wir bestreiten die Strecke zusammen mit „MeriTuuli“, so dass wir uns nicht ganz so einsam und verloren in dieser Wasserwüste vorkommen.

Mit jeder Seemeile, die wir zurückgelegt haben ist mein Vertrauen in „Antares“ gewachsen. Wir haben schon ein paar raue Wetterverhältnisse erlebt, teilweise über Tage, aber „Antares“ hat diese Situationen mit Bravour gemeistert, so dass ich dem Boot mit der Zeit immer mehr zutraue und mich gut aufgehoben fühle. Auch in meine seglerischen Fähigkeiten habe ich deutlich mehr Vertrauen, seitdem ich im Juni 2012 mit Null Segelerfahrung an Bord gekommen bin. Nach jetzt mehr als 17.000 gemeinsamen Seemeilen sind Olaf und ich als Team gut zusammengewachsen. Das zeigt sich sowohl bei den alltäglichen Dingen und dem engen Zusammenleben an Bord, als auch in kritischeren Situationen unterwegs, wenn Teamarbeit erforderlich ist und wir uns aufeinander verlassen müssen.

Der 9. Tag unserer Reise fängt eigentlich sehr beschaulich an. Wir haben angenehmes, sonniges Wetter, Wind um 14-16 Knoten und kommen gut voran. Eigentlich ist alles herrlich und wir genießen die Fahrt – aber zu früh gefreut. Es gibt vorne plötzlich einen Knall und der obere Teil der Genua, unseres Vorsegels, rauscht herunter, gleitet ins Wasser und wird neben dem Boot hergezogen. Der Schäkel oben am Fall, mit dem die Genua hochgezogen wird, ist gebrochen. Unten an der Furlexrolle hängt sie noch fest.
Wir sehen zu, dass wir das Segel an Bord bekommen und überlegen, was jetzt zu tun ist. Zum Glück ist das Segel in Ordnung und nur der Schäkel gebrochen. Jetzt gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit: einer muss in den Mast und das Fall herunterholen, mit dem die Genua hochgezogen wird, damit wir den Schäkel austauschen und das Segel wieder hochziehen können. Das ist normalerweise keine große Sache – wenn man bei wenig Wind im Hafen ist. Bei Wind und Welle mitten auf dem Pazifik sieht das jedoch schon anders aus, zumal ich Olaf bisher überhaupt erst einmal in den Mast gezogen habe.
Die Mastspitze in 18 m Höhe pendelt etwa 2-3 m je Seite hin und her, was das Arbeiten dort oben nicht einfach und auch nicht ungefährlich macht. Da wir 1.000 Seemeilen von Galapágos und noch 2.000 Seemeilen von den Marquesas entfernt sind, sollte hier definitiv nichts passieren. Wir können aber auch nicht ohne weiteres auf das Vorsegel verzichten, da es auf dieser Route das wichtigste Segel ist, um bei achterlichem Wind gut voran zu kommen. Mit dem Großsegel würden wir bedeutend langsamer unterwegs sein.
Wir bereiten uns vor und wählen den Kurs so, dass wir vor den Wellen ablaufen, um die Schiffsbewegungen so gering wie möglich zu halten. Dann kurbel ich Olaf in die Mastspitze und er rutscht wie ein Klammeraffe den Mast hoch. Oben angekommen muss er eine Hilfsleine an dem Fall befestigen, um es wieder nach unten ziehen zu können. Als dies geschafft ist, lasse ich ihn langsam wieder herunter und wir sind heilfroh, dass alles ohne Zwischenfall geklappt hat.
Auf der Suche nach einem Ersatzschäkel müssen wir jetzt allerdings feststellen, dass wir keinen in der passenden Größe dabei haben. „MeriTuuli“, die unser Missgeschick mitbekommen und sofort die Segel eingeholt haben, fahren die ganze Zeit mit Motor neben uns her und haben glücklicherweise einen passenden Schäkel dabei. Wir ziehen die Genua wieder hoch und können nach knapp 2 Stunden Unterbrechung wieder unseren Kurs aufnehmen.
Gut, dass wir mit zwei Booten unterwegs sind und „MeriTulli“ uns aushelfen konnten. Wir hätten zwar in diesem Fall eine Notlösung gefunden, aber mit dem passenden Ersatzteil können wir doch beruhigter weitersegeln. Außerdem haben sie unsere Aktion in Bildern festgehalten und wir werden immer eine visuelle Erinnerung daran haben.
Bis zu diesem Ereignis gestaltet sich unsere Fahrt recht ereignislos. Da wir anfänglich wenig bis keinen Wind haben, können wir noch keinen direkten Kurs anlegen, sondern müssen unter Motor erst einmal nach Süd-Westen auf etwa 6 bis 7 ° südlicher Breite, da hier langsam der Süd-Ost-Passat einsetzt, der uns dann mit gleichmäßigem Wind in die Südsee bringen soll. Bis dahin heißt es jedoch vier Tage mit Motor fahren, wobei wir am 2. Tag die Gunst der Stunde und die ruhige See nutzen, um noch schnell drei Maschinen Wäsche zu waschen.
Am 5. Tag früh morgens haben wir dann endlich etwas Wind gefunden und können den Motor ausstellen. Von jetzt an geht es mehr oder weniger direkt zu den Marquesas. Das Wetter ist anfänglich sehr wolkig und regnerisch und erinnert eher an Ostseesegeln, als an Passatsegeln im Pazifik, jedoch ist hier immerhin der Regen wärmer. Ein paar Gewittergebieten müssen wir noch auszuweichen, aber nach ein paar Tagen setzt stetiger Wind ein und wir kommen unserem Ziel langsam, aber sicher näher. Einzig die See ist sehr unruhig. Wir hatten erwartet, dass die Wellen etwa aus der Windrichtung kommen. Aber das ist nicht der Fall – sie kommen leider aus verschiedenen Richtungen, so dass sie manchmal das Boot wie einen Korken hin- und her werfen.

Die größten Herausforderungen – neben unserer Mastaktion – sind sicherlich die Bewegungseinschränkung auf so einer langen Reise, das platt gesessene Hinterteil und die aufkommende Lethargie gekoppelt mit Müdigkeit. Auch nerven die ewig rollenden Bewegungen des Schiffs von rechts nach links ungemein. Was ein, zwei Tage sicherlich ganz in Ordnung ist, ist nach Wochen einfach nur anstrengend. Bis zu einem gewissen Maß gewöhnen wir uns natürlich daran, aber irgendwann ist dann doch einfach mal genug.

Neben unserem Satellitentelefon ist unser Kurzwellengerät (SSB) mit Pactor-Modem unsere Schnittstelle zur Außenwelt. Hierdurch bekommen wir unsere Wetterinformationen und können mit Familie und Freunden per E-Mail und mit anderen Seglern per Funk über längere Distanzen kommunizieren.
Bei diesem Trip hören wir morgens und abends auf zuvor festgelegten Frequenzen und Zeiten regelmäßig im „Multinet“ rein, eine von Seglern organisierte Funkrunde. Boote, vorwiegend welche, die im Pazifik unterwegs sind, können hier ihre aktuelle Position melden, sich über das Wetter austauschen und gegebenenfalls Probleme technischer oder gesundheitlicher Art besprechen. Eine schöne Unterbrechung im Segelalltag.

Nach 23,5 Tagen tauchen langsam aus der Dunkelheit die Umrisse einer Insel auf. Wir segeln in den frühen Morgenstunden an der hohen, zerklüfteten Küstenline von Hiva Oa vorbei zu unserem Ankerplatz vor Atuona. Es ist ein wunderbares Gefühl nach so vielen Tagen auf See wieder Land zu sehen. Das üppig grün bewachsene Hiva Oa kommt uns vor wie der Garten Eden.

Wir haben es geschafft: nach 3.057 Seemeilen und knapp 24 Tagen auf See haben wir unsere erstes Ziel in der Südsee erreicht!

Advertisements